7 Ziele

Radentscheid Braunschweig

Radfahren soll für alle sein, von 8 – 80+ Jahren. Mit diesen Zielen soll der Radverkehr entspannter, sicherer und angenehmer werden, um Braunschweig lebenswerter zu machen.

Wir wollen das erreichen, indem wir ein Bürgerbegehren, den Radentscheid, durchführen und bei der Stadt einreichen, damit sie diese Ziele umsetzt.


  • Bis spätestens 2025 werden stadtweit alle Radwege an Einmündungen von Straßen farblich markiert.
  • Alle Radverkehrsunfälle werden von der Verwaltung laufend detailliert analysiert. Soweit die vorhandene Infrastruktur den Unfall erzeugt oder begünstigt hat, wird sie spätestens im folgenden Jahr verbessert. Ein Bericht mit Analyse, Maßnahmen und Evaluation der Maßnahmen wird alle zwei Jahre veröffentlicht.

2018 wurden 416 Radfahrerinnen und Radfahrer in Braunschweig bei Unfällen verletzt [1], eine Radfahrerin starb an der Jasperallee, weil ihr die Vorfahrt genommen wurde. Auch dieses Jahr starben bereits zwei Radfahrende durch Unfälle. Obwohl die Anzahl der Verkehrsunfälle in Braunschweig seit Jahren leicht abnimmt, gilt das nicht für Unfälle, bei denen Fahrradfahrer beteiligt waren, deren Anzahl bleibt etwa gleich.

Wir halten die Frage der Sicherheit und auch der gefühlten Sicherheit für ganz entscheidend.

Klare Markierungen an Einmündungen lenken die Aufmerksamkeit.

Um die Unfallzahlen nachhaltig zu senken ist es erforderlich die Infrastruktur anzupassen und sicherer zu machen. Doch die Unfallorte sind über ganz Braunschweig verstreut, es gibt nur wenige offensichtliche Häufungspunkte. Deswegen ist es wichtig, genauer hinzuschauen und zu analysieren: Welche Unfälle passieren und warum? Welche Unfallursachen sind an welcher Stelle typisch, wie sieht die Straße oder der Radweg dort aus? Um dies zu klären sollten Unfälle mit Fahrradbeteiligung systematisch ausgewertet werden, um zielgerichtet vor Ort Verbesserungen der Infrastruktur herbeiführen zu können. Diese regelmäßigen Auswertungen sollten auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Stand heute an vielen Einmündungen: Sieht so Vorfahrt aus?

Obwohl sich die Erkenntnis, dass die Situation an Einmündungen besonders gefährlich ist, schon lange durchgesetzt hat, ist es gang und gäbe, dass Radwege dort trotz Vorfahrt durch Bordsteine, Gosse oder Pflasterung unterbrochen werden. Dort und an vielen Stellen müssen Radfahrende permanent für Autofahrer mitdenken, und das ist für beide Verkehrsarten stressig. Dabei sollte schon durch die Gestaltung klar werden, dass mit Radfahrern zu rechnen ist und diese im Verlauf einer Vorfahrtsstraße auch Vorfahrt haben.

Als Faustregel kann man sagen: Der Radverkehr muss so sicher und intuitiv sein, dass man auch Kinder ab 8 Jahren guten Gewissens fahren lassen kann.

[1] https://www.pd-bs.polizei-nds.de/verkehr/statistik/verkehrsunfallstatistiken-1348.html


  • Die Stadt schafft ein Radverkehrsnetz aus durchgängigen Velorouten, welches alle Ortsteile möglichst direkt miteinander vernetzt und an die Innenstadt anbindet.
  • Die Velorouten werden auf Radwegen von mindestens 2 m Breite je Fahrtrichtung, Fahrradstraßen oder sonstigen in gleichem Maße sicheren und komfortablen Straßen oder Wegen geführt, sind systematisch nummeriert, markiert und ausgeschildert.
  • Bestehende Netzlücken und Hindernisse im Radverkehrsnetz, auch solche für Lastenräder und Fahrradanhänger, sind zu beseitigen.

Für den Alltagsradverkehr braucht es ein komfortables, verlässliches Grundnetz aus durchgängigen Routen. Die Routen müssen den Radfahrenden vermitteln: hier kommt ihr schnell, sicher und komfortabel von A nach B, ohne groß nachzudenken. Die Benutzung muss so einfach sein, wie einer gut ausgebauten Bundesstraße zu folgen. Und anders als heute muss es ein hierarchisches Netz geben: Die Radschnellwege ganz oben, dann gut ausgebaute Velorouten, die Stadtteile miteinander verbinden und schließlich Nebenrouten und einfache Radwege, die nicht Teil einer Route sind, zur Erschließung.

In Deutschland kann man da Hamburg als Vorbild nennen. 2017 hat Hamburg Pläne für ein Netz aus 14 Velorouten mit 280 km Länge vorgestellt. Dieses wird dort sukzessive in Abschnitte im Detail geplant und ausgebaut. Auch wenn der Ausbau langsamer vorangeht als vormals geplant und oftmals nicht der Standard gebaut wird, den sich Radfahrende wünschen, ist dies für uns ein positives Beispiel für die Organisation eines Veloroutennetzes. Dort gibt ein eigenes Budget für diesen Ausbau, die Stadt zahlte zunächst 5 Millionen Euro, der Bund gab 30 Millionen Euro Förderung dazu [1]. Auch Braunschweig könnte stärker von Fördermitteln profitieren, wenn es sich konsequent um solche bewirbt.

[1] https://www.abendblatt.de/hamburg/article210601695/So-will-Hamburg-das-Velorouten-Netz-optimieren.html


  • Radwege werden zukünftig in einer Mindestbreite von 2 Metern und baulich getrennt vom Kraftfahrzeugverkehr und Gehwegen angelegt. Sie werden durchgängig mit ebenem, leichtläufigen Belag und höhengleich an Einfahrten und Einmündungen gestaltet. Die Regelbreite für Einrichtungsradwege beträgt 2,3 Meter.
  • Jährlich werden dafür mindestens fünf Kilometer Radwege neu gebaut oder umgestaltet. Begonnen wird spätestes im zweiten Jahr nach Annahme dieser Vorlage.

So geht Radweg: Breit, eben, und durch fehlerverzeihende Bordsteine von Gehweg und Straße abgetrennt (Niederlande, Foto mit freundlicher Genehmigung der Cycling Embassy of Great Britain)

Bei den Radverkehrsführungen sehen wir in Braunschweig zwei große Probleme.

Zum einen existieren viele veraltete, zu schmale Radwege, oft im Dooringbereich (Türöffner-Zone) direkt neben Autos. Diese sind zum Teil auch in keinem guten Zustand. Umgebaut werden diese aber nur, wenn ohnehin Straßen ganz neu geplant werden und Straßen halten nun mal sehr lange.

Zum zweiten werden Radverkehrsanlagen heute immer noch nach alten Dogmen geplant: Entweder als Teil des Gehwegs (klassischer Bordsteinradweg) oder als Teil der Autofahrbahn (Schutzstreifen, Radfahrstreifen).

Warum nicht eigene Radfahrbahnen, die durch bauliche Elemente von der Fahrbahn für Kfz und vom Gehweg getrennt sind – wie in den Niederlanden? Dadurch werden Konflikte mit Fußgängern vermieden und illegales Parken und Halten auf Radwegen kann verhindert werden.

Fahrradkreuzung in Amsterdam: schnelles Vorankommen abseits vom Autoverkehr

Damit Braunschweig dort aufholt, braucht es ein ambitioniertes Programm, um Radwege systematisch zu erneuern und modernen Erfordernissen anzupassen. Wir halten einen Ausbau vom 5km pro Jahr für angemessen. Das Ziel muss sein, Radwege zu bekommen, auf denen jeder von 8 – 80+ gerne fahren würde. Denn eines zeigen die Erfahrungen auch hier in Braunschweig mit dem Ringgleis: Wird gute Infrastruktur gebaut, wird sie auch genutzt.

Östlicher Ring: Radeln in der Dooring-Zone

Dabei sollen Radwege in Zukunft breiter werden, 2,30m, um Überholen und Nebeneinanderfahren auch dann zu gewährleisten, wenn Lastenräder oder die nun zugelassenen E-Scooter im Spiel sind.

Mit dem Stadtbahnausbau werden ohnehin viele Straßen umgebaut, da wird es Synergieeffekte geben können, es gibt ja auch Förderung von Bund und Ländern, und zudem kann man gleich neue Standards setzen.


  • Die Stadt stellt an allen öffentlichen Einrichtungen und Haltestellen des ÖPNV Abstellanlagen bedarfsgerecht zur Verfügung.
  • Die Stadt schafft Möglichkeiten für bedarfsgerechte Radabstellanlagen in Wohngebieten. Diese sollen nach Möglichkeit wettergeschützt sein.
  • Hierbei auch werden auch Lastenräder und Anhänger berücksichtigt.

In Utrecht wurde diese Woche das größte Fahrradparkhaus der Welt eröffnet [1], mit Platz für 12 500 Fahrräder. Auch für Braunschweig soll bald eines am Hauptbahnhof geplant werden (wobei über die Größe noch nicht entschieden ist). Um Staus zu verringern und den Öffentlichen Nahverkehr attraktiver zu machen muss der ÖPNV gut mit dem Radverkehr verzahnt werden – hier fehlt es oft noch an genug und geeigneten Abstellanlagen, an vielen Haltestellen und insbesondere am Bahnhof. Oft wird auch wild geparkt, was übrigens erlaubt ist, solange niemand behindert wird. Sind neue Abstellanlagen erstmal gebaut, werden sie auch sofort genutzt.

Für viele Menschen mit Wohnungen ist es auch ein Problem, ihre Räder Zuhause abzustellen. Lebt man in einem Altbau, bpsw. im östlichen Ringgebiet lebt, kann es sein, dass die einzige Möglichkeit sein Fahrrad sicher und wettergeschützt unterzubringen der Keller ist. Es ist aber nicht attraktiv und, wenn man an schwerere E-Bikes denkt, auch nicht praktisch, sein Fahrrad dann jeden Tag die Treppe rauf und runter zu tragen. Deswegen braucht es mehr Abstellanlagen in Wohngebieten und zwar auch solche, die wettergeschützt sind. Braunschweig braucht eigentlich nur noch auszuwählen, welche von vielen Lösungen, bspw. Fahrradboxen oder Fahrradhäuschen umgesetzt werden soll.


[1] https://www.tagesspiegel.de/sport/liveblog/tagesspiegel-fahrradblog-das-groesste-fahrradparkhaus-der-welt/19996818.html


  • Die Reinigung und der Winterdienst der straßenbegleitenden Radwege erfolgen mit gleicher Priorität wie die der danebenliegenden Fahrbahn für den Kfz-Verkehr. Velorouten sind entsprechend ihrer Bedeutung angemessen zu reinigen.
  • Mängel an Radwegen werden laufend erfasst und unverzüglich, spätestens innerhalb von 6 Monaten, beseitigt. Mängel sind alle Veränderungen, die den Radverkehr gefährden oder den Fahrkomfort erheblich einschränken.
  • Für Baustellen werden fahrradgerechte Umfahrungsmöglichkeiten in ausreichender Breite auch für Fahrradanhänger und Lastenräder eingerichtet.

Neben der Sicherheit, einem fabelhaften Veloroutennetz und der Gestaltung der Radwege braucht es natürlich auch ein gutes System der Wartung und Reinigung. Die Stadt hatte hier in Zusammenarbeit mit dem ADFC ein System entwickelt hat, wo mit welcher Priorität geräumt wird.

Um den zum Teil beklagenswerten Zustand der Radwege zu verbessern, muss der Radverkehr aber auch bei Wegreparaturen und Baustellenführungen ernster genommen werden. Stellen Sie sich vor:  Ein Wurzelaufbruch oder Schlagloch mitten auf dem Neustadtring, bei dem das ganze Auto durchgeschüttelt wird, das wäre zurecht ein großer Aufreger. Für Radfahrer und Radfahrerinnen ist das hingegen Normalität. Die Stadt weiß auch um diese Probleme, da sehen wir schon ein gemeinsames Problemverständnis. Gut wäre es, wenn gefährliche Mängel, und solche, die den Fahrkomfort erheblich einschränken, in Zukunft innerhalb von 6 Monaten behoben werden würden.


  • Die Stadt überprüft alle Bedarfsampeln für Fahrradfahrende und ersetzt diese, sofern möglich, durch automatische Ampelschaltungen oder Annäherungssensoren.
  • Darüber hinaus werden alle Ampelschaltungen optimiert, indem ggfs. vorhandene Spielräume für eine Verkürzung der Wartezeiten des Radverkehrs genutzt werden.

An der Kreuzung Europaplatz ist es besonders schlimm: Wer hier von Osten nach Süden per Fahrrad regelkonform abbiegen will überquert 6-7 Ampeln. An der Einmündung Schillstraße in die Helmstedter Straße, der neuesten Kreuzung Braunschweigs, müssen Radfahrer sogar drücken (Bedarfsampel), um berücksichtigt zu werden. Freies Rechtsabbiegen für Radfahrer wurde hier auch nicht vorgesehen.

Das kann man eigentlich keinem erklären. Hier sind über Jahrzehnte Strukturen gewachsen, die nun, heute, für eine erhebliche Benachteiligung des Rad- und Fußverkehrs sorgen. Wenn man diese Missstände beheben möchte, müsste umgebaut oder anders geschaltet werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Ein erster Schritt wäre es, wenn die Stadt ergebnisoffen Ampelschaltungen untersucht, ob diese fair gegenüber allen Verkehrsarten sind. Braunschweig als Forschungsstadt mit der TU könnte sich bspw. einen Namen machen, wenn Drückerampeln in großem Stil durch automatische Annäherungssensoren (Induktionsschleifen, Infrarot) oder gar grüne Wellen ersetzt würden.


  • Die Stadt führt Kampagnen und Programme durch, um Verkehrsteilnehmer*innen für gegenseitige Rücksichtnahme zu sensibilisieren und über neue Infrastruktur und Verkehrsregeln aufzuklären.
  • Die Stadt führt jährlich eine Werbekampagne für das Radfahren durch.

Eines unserer Ziele ist, durch selbsterklärende Regelungen Stress rauszunehmen für alle Verkehrsteilnehmer. In der Wahrnehmung einiger hat sich das Klima im Straßenverkehr in den letzten Jahren sogar verschärft, aber das muss ja nicht so weitergehen.

Wir glauben, die Stadt hat durchaus Einfluss darauf, eine gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer zu fördern. Wenn neue Regeln eingeführt werden, wie vor bereits einigen Jahren Fahrradstraßen und Schutzstreifen, wäre es zum Beispiel hilfreich, wenn diese für alle Verkehrsteilnehmer durch Plakate oder Programme erläutert würden. Die nächste StVO-Novelle steht schon vor der Tür. Auch andere Aktionen und Kampagnen, bspw. der Polizei oder der neuen Fahrradstaffel wären denkbar, um gegenseitige Rücksichtnahme unter allen Verkehrsteilnehmern und Sensibilisierung für Probleme wie Überholabstand und Fahrradampeln zu fördern.

Und zu guter Letzt würde es nicht schaden, wenn die Stadt Erfolge, die in den nächsten Jahren beim Ausbau der Radinfrastruktur gemacht werden, gut kommuniziert und damit den Radverkehr quasi gleich mitbewirbt.

Die vorbereitenden Planungen zur Erreichung der Ziele und dafür notwendige Bedarfser-
mittlungen werden bis Ende 2020 fertiggestellt. Die Umsetzungen erfolgen unverzüglich,
spätestens jedoch bis 2030.