Fahrradweichen – ein Schritt in die falsche Richtung

Gefährliche Fahrradweiche Salzdahlumer Str./Fichtengrund
Erste Braunschweiger Fahrradweiche Salzdahlumer Str./Fichtengrund

Man liebt sie oder man hasst sie. Aber eigentlich mag sie keiner, der mit ihnen in Berührung kommt, weder Autofahrer noch Radfahrer. Es geht um sogenannte Fahrradweichen, die seit wenigen Jahren als „richtlinienkonformes“ Kreuzungsdesign in Deutschland Schule machen. Letztes Jahr haben sie in Berlin spektakulär angsteinflößende Fotoshootings motiviert, denn die Benutzungspflicht gilt auch für Kinder ab 10 Jahren.

Was ist eine Fahrradweiche?

Fahrradweichen dienen dazu, den Radverkehr über Kreuzungen zu führen. Dieser wird auf Radfahrstreifen in Mittellage entlang der Geradeausfahrspuren der Kfz geführt. Abbiegespuren nach Rechts liegen dann rechts des Radfahrstreifen, sodass abbiegende Autos diesen im Bereich, wo die Linien gestrichelt sind, überfahren müssen. Meistens sind Fahrradweichen eingefärbt.

Problematisch sind die vielen Konfliktpunkte in der Fläche und das Fehlen von Elementen, die Fahrradfahrende vor Autos schützen.

Radfahrer empfinden Fahrradweichen oft als brutal, weil es stressig bis angsteinflößend ist, sogar lebensgefährlich sein kann, über einen Streifen dicht neben Autos zu fahren, die diesen beim Abbiegen überfahren müssen. Da hilft auch viel rote Farbe nicht. Stichwort toter Winkel. Auch Fahrradweichen in Großstädten regelmäßig durch Autos blockiert.

Autofahrer mögen sie nicht, weil beim Spurwechsel von ihnen verlangt wird, zu erkennen, ob gerade von hinten keine Radfahrenden kommen. Wenn vor der Kreuzung ein paar Radfahrende mehr stehen, kann man auch nicht über den Radfahrstreifen abbiegen und muss auf eine Lücke warten.

Quelle: Timm Schwendy (Darmstadt fährt Rad), auf der ADFC Fachtagun „Geschützte Kreuzungen“ 2019

Erste Braunschweiger Fahrradweiche am Klinikum

Auf den Bildern zu sehen ist die brandneue Kreuzung am Klinikum (Salzdahlumer Str. / Fichtengrund), welche nun durch Braunschweigs erste Fahrradweiche geziert wird. Seit kurzem ist sie befahrbar.

Da diese neue, große Kreuzung für den Radverkehr an einer zentralen Ausfallstraße große Bedeutung hat, wollen wir sie uns hier genauer ansehen.

Warum ist die Kreuzung umgebaut worden?
Im Zuge des Um- und Ausbaus des Klinikums ist ein riesiges Parkhaus mit 1 250 Kfz-Plätzen vorgesehen (genaueres zu Fahrrad-Parkplätzen ist hingegen noch nicht bekannt). Die Autos kommen alle von der Salzdahlumer Straße und dementsprechend musste hier groß ausgebaut werden. Seit 2015 gab es mehrere Umplanungen, und im Gegensatz zur Innenstadt ist hier geradezu richtig viel Platz, den man für eine Modell-Protected-Intersection mit allen Schikanen hätte nutzen können.

Rot markierter Radfahrstreifen quer über die Kreuzung. Links daneben die Geradeaus-Fahrspur für Autos, rechts daneben die Abbiegespur.
Richtung stadtauswärts: ein Auf und Ab.

Positiv

  • Radwege sind recht breit, auf der Ostseite (stadteinwärts) ca. 2m breit, auf der Westseite 2,5m
  • Radfahrspur an Einmündung rot markiert und erfüllt ERA-Regelbreite (sogar 2m statt 1,85m, allerdings inkl. Markierungen)
  • Abbiegen in Richtung Klinikum direkt in Schutzstreifen hinein (2m breit)
  • Radwege asphaltiert (dies sollte allerdings eine Selbstverständlichkeit sein)

Negativ

  • Fahrradweichen setzen Verkehrsteilnehmer unter Druck, erzeugen Angst („#Angstweichen„) und schaden dem Radverkehr insgesamt.
  • Rechtsabbiegen in den Schutzstreifen nicht geschützt. Fahrzeuge können über den Schutzstreifen schneiden.
  • Gehwege südlich der Kreuzung für Radler benutzungspflichtig
  • Übergang zwischen Straße und Hochbord-Radweg (Rampe) deutlich spürbar
  • Radweg stadtauswärts wechselt das Niveau auf nur 50m mehrfach:
    Hochbordradweg -> Rampe -> auf Straßenniveau (Ampel) -> Rampe -> Hochbordradweg -> Rampe -> auf Straßenniveau (Linksabbiegerampel) -> Rampe -> Hochbordradweg
  • Hochbord-Radwege nicht vom Gehweg separiert
  • Radweg stadtauswärts mit nicht fahrbarer Verschwenkung (siehe unten)
  • Radverkehr stadtauswärts wird durch neue Ampel am Fußgängerüberweg ausgebremst (siehe Bild).
  • Farbe ist nur aufgemalt, statt Durchfärbung des Asphalts. In wenigen Jahren wird sie abgefahren sein.

Zu Anfang war auch stadtauswärts ein Radfahrstreifen vorgesehen. Dieser wurde dann, wohl auch aus Befürchtungen, die Kurve könnte geschnitten werden, in die nun gebaute verkappte Rampenlösung umgewandelt. Als Alternative mit deutlich mehr Fahrkomfort hätte man auch einfach den 2,5m breiten Radfahrstreifen mit Bordsteinen oder Pollern sichern können, so wie beim Radschnellweg Osnbrück. Die Forderung des Bezirksrates nach einer geschützteren Kreuzung wurde nicht umgesetzt.

2,5m breiter Radweg mit unnötiger Ampel – die Situation ist so übersichtlich, dass Fußgänger und Radfahrer sich auch ohne Ampel vertragen. Alternativ hätte man eine Wartefläche zwischen Rad- und Gehweg anlegen können. Früher konnte man hier einfach durchfahren.
Lustige neue Verschwenkung

Fazit

Vermitteln Radverkehrsanlagen nicht eine unmittelbar erfassbare Art von Sicherheit, werden sie weniger benutzt. Nicht jeder gehört zu den wenigen %, die in Studien „starke und furchtlose Radfahrer“ genannt werden. Effekt: Gehwegradler*innen und weniger Radverkehr im Allgemeinen. An diesem Kriterium gemessen ist die Kreuzung für den Radverkehr nicht gelungen, obwohl Anstrengungen, dem Radverkehr Platz zu geben, erkennbar sind. Diese Anstrengungen wären, geleitet in das Konzept einer „Protected Intersection“, fruchtbarer gewesen.

Damit man etwas gewinnt, müsste Radinfrastruktur so konzipiert sein, dass dort 10 Jahre alte Kinder alleine sicher fahren können.

Links

Planung 2019 im Ratsinformationssystem

Planung 2018 im Ratsinformationssystem

Planung 2017 im Ratsinformationssystem

Planung 2015 im Ratsinformationssystem

5 Gedanken zu „Fahrradweichen – ein Schritt in die falsche Richtung“

  1. Auweia, dass habe ich ja noch gar nicht gesehen. Ist das ernst gemeint, oder hat Till Eulenspiegel die Verkehrtplanung jetzt endgültig übernommen? Die fortscheitende Fahrradampelitis mit schwerem Gängelfaktor scheint in Braunschweig noch nicht auf dem Höhepunkt angelangt zu sein. Nun hängen die tollen Ampeln schon wieder woanders, mal unten, mal oben, mal links, mal rechts, mal bezieht sich eine rechte Ampel auf Linksabbieger, usw., man könnte meine, dass es keine Norm bzw. Richtlinie dafür gbt.

    Ich habe gehört, dass in ein paar Jahren noch die Straßenbahn da durch soll, wahrscheinlich wird der Murks dann nochmal überarbeitet und noch schlimmer.

    Warum hat der Stadtverwaltung eigentlich schon früher keiner auf die Finger geklopft? Was haben ADFC-Ortsgruppe und das BS-Forum so die letzten Jahre getrieben, gepennt?

    Wofür gibt es eigentlich den Radverkehrsbeauftragten, wenn man von ihm nichts hört und sieht?

  2. habs mir angesehen, völlig überdimmensioniert, will man aus dem Fichtengrund eine vierspurige Stadtstraße bis zum Möncheweg bauen?? Die Radfahrer werden zwischen Rechtsabbiegern und Geradeausspur eingezwängt, so kann man den Mindestabstand eigentlich niemals einhalten. Das Auf- und Abwärtsfahren auf der anderen Seite ist auch nicht ohne, der Zickzackkurs ist von einem „Experten“ geplant, der wahrscheinlich schon seit der Grundschulzeit mit nem Mamataxi gefahren wurde und nur um die scharfe Ecke denken kann.

    Die Toter-Winkel-Problematik beim Rechtsabbiegen wird hier keinesfalls gelöst, sondern noch verschärft, weil die Rechtsabbieger ja noch den Schutzstreifen überfahren müssen.

    An der Haltestelle bei der Berufsschule stadteinwärts auch wieder sinnloser Zickzackkurs um den Kirchturm. Immerhin, zwei Fahrradständer habe ich dort gesehen, ergibt aber im Prinzip dort auch keinen Sinn, werden wohl irgendwann nur Schrotträder da stehen.

    Man hat sehr viel Platz durch diese neue Verkehrsführung vergeudet und Bäume, Grünflächen vernichtet. In zeiten der Umweltprobleme, Klimawandel, usw. sollte man dem Kraftverkehr nicht mehr, sondern weniger Raum geben, Alternativen wie Straßenbahn ausbauen. Schon komisch, dass hier an dieser Stelle seit mehreren Jahren, bald Jahrzehnten von Stadtbahnausbau gesabbelt wird, aber kein Spatenstich getan wird.
    Einen Sicherheitsgewinn sehe ich nicht, eher das Gegenteil. Radfahrer gehören NICHT auf die Fahrbahn, zumindest nicht so.

    Es würde zudem Sinn machen die linke Seite an der Berufsschule für Radverkehr von Autobahnanschlussstelle bis Fichtengrund frei zu geben, um zu vermeiden, dass Radfahrer mehrmalig die Straßenseite wechseln müssen. Mir kamen vorhin auch schon zwei Geisterradler auf dem roten Streifen entgegen, die dann zum Krankenhaus hoch fuhren, da hat die Stadt echt wieder Mist gebaut.
    Aufgrund der fehlenden Polizeikontrollen in der Vergangenheit hat sich das Geisterradeln auch sehr stark etabliert und die Radfahrer merken es nicht mal mehr auf den Schutz- bzw. Rafahrstreifen, wenn sie falsch fahren.

    1. Guter Punkt, mit dem nichteinhaltbaren Mindestabstand. Falls die angekündigte 1,5m-Abstand-Regel innerorts tatsächlich gesetzlich festgeschrieben wird, sind Fahrradweichen in ihrer jetztigen Form noch unsinniger. Scheinbar korrektes Benutzen nicht möglich.
      Ob sich Fahrradweichen, wie man hoffen kann, damit auch aus einer strengen, richtlinienzentrierten Verwaltungssicht erledigt haben, ist jedoch fraglich. Man könnte argumentieren, dass
      a) auf den Fahrspuren unmittelbar neben Fahrradweichen damit ein faktisches Überholverbot herrscht
      b) das bloße Aufstellen an der Ampel, Autos und Fahrräder nebeneinander, kein Überholvorgang ist und damit erlaubt bleibt
      c) Fahrradweichen damit rechtlich ok sind.

      Problematisch ist die jetztige Fassung der ERA, die Fahrradweichen anrät und Planern nahelegt, diese zu bauen, wenn sie sich korrekt verhalten wollen. Da braucht man engagierte Planer, die sich von so etwas nicht verführen lassen, sondern im Interesse aller Verkehrsteilnehmer bessere Lösungen bauen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

      1. so ähnliche „Fahrradweichen“ gibt es doch eigentlich auch schon, Messeweg, Kreuzung Berliner Straße nach Norden und Jasperallee/Ring stadtauswärts. Ich fühle mich jedenfalls nicht wohl, wenn ich zwischen die Fahrspuren eingequetscht werde und beim Linksabbiegen ähnlich wie PKW mitten in die Kreuzung fahren muss.

        Der Überholvorgang von Autos wird doch spätestens bei Grünlicht erfolgen, Radfahrer fahren vielleicht 20-30, Kraftfahrer mit 50-70 da lang. Da braucht dann nur mal einer bißchen flotter fahren und verzieht seinen Wagen in der Kurve auf den „Schutz“-Streifen

        Ich wünschte mir schon, das diejenigen, die sowas und andere Umbauten planen, zu verantworten haben, auch mal täglich dort Rad fahren müssen.

        Wenn man Braunschweig wirklich vorbildlich zur Fahrradstadt gestalten möchte, wäre sowas wie ein „runder Tisch“ mit Planern und Radfahrinteressengruppen erforderlich. Die ERA sind ja auch nur Empfehlungen, die man nicht unbedingt befolgen muss, in anderen Städten betreibt man nicht so nen großen Umbauaufwand und beleibt beim Altbewährten. So wie die bestehenden Radwege hochbord und Kreuzungen mit Heranführung neben die Fußgängerfurt bislang in Braunschweig waren, empfand ich das besser und sicherer, auch für Linksabbieger gut. Diese Schutz- und Radfahrstreifen sind m.E. in vielerlei Hinsicht gefährlicher, werden auch durch Falschparker und Rechtsabbieger zugestellt, zugefahren und Linksabbiegen wird zur Qual, weil entweder Ampeln und Aufstellflächen fehlen oder die Autofahrer dumm gucken, wenn man sich vor die Querfahrbahn bei der neuen Linksabbiegerampel hinstellt. Zudem achten nicht wenige Radfahrer auf die falschen Ampeln, werden total verwirrt.

        Faktisch wird sich hier jedenfalls trotz aller Kritik nichts mehr ändern, bis zu einem nächsten Umbau in 30-50 Jahren, da man sicherlich keinen Anlass sieht, nochmal Geld auzugeben. Es entspricht wohl alles den gültigen Vorschriften, wenn es auch nicht wirklich praktikabel ist.

  3. Wenn ich mir das Foto so ansehe, dürfte es wohl das sicherste sein, die Kreuzung fahrstreifenmittig links vom Blutstreifen zu überqueren.

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