Städte stehen heute vor der großen Herausforderung, auf einen tiefgreifenden Wandel gesellschaftlicher Trends vom Kaufverhalten bis zur Mobilität, die Auswirkungen des Klimawandels und die Alterung der Bevölkerung zu reagieren. Im Folgenden sollen einige Ansatzpunkte und Perspektiven für lebenswerte, resiliente Innenstädte im Fokus der Verkehrsinfrastruktur aufgezeigt werden.

Die oft dichtbesiedelten Innenstädte sind zu einem Großteil als Verkehrsflächen für den motorisierten Verkehr ausgelegt. Ehemals monofunktionale Einkaufszonen verlieren an Bedeutung und drohen zu veröden. Zeitgleich geht der Trend zu Shopping Malls und Einkaufszentren, die oft am Stadtrand gelegen sind. Auch Onlinehandel belastet die Verkehrsinfrastruktur, da Lieferzonen und Last-Mile-Lösungen fehlen. Entlastend wirkt sich andererseits die zunehmend digitale Arbeitswelt aus, da sie Tätigkeiten im Homeoffice ermöglicht.

Innenstädte müssen multifunktional sein, sie sollen Orte zum Arbeiten, Wohnen, Konsumieren, sozialen Austausch und Erholen sein, wobei Lebensqualität zunehmend zum zentralen Maßstab der Stadtentwicklung wird. Mobilität ist Voraussetzung für Teilhabe und muss an die Möglichkeiten und Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung angepasst werden.



Problematisch ist die über Jahrzehnte gelebte Priorisierung des motorisierten Verkehrs aus mehreren Gründen. Da ist zunächst der hohe Flächenverbrauch zu nennen. Wollen 50 Personen eine beliebige Strecke zurücklegen so belegen sie in Bewegung mit dem Bus 70 m2, mit dem Fahrrad 580 m2 und mit dem Auto (durchschnittlich besetzt mit 1,3 Personen) 2375 m2. Nicht eingerechnet sind die Parkflächen, die zusätzlich Fläche, oft im Straßenraum, benötigen. Öffentliche Verkehrsmittel und Radverkehr sind somit deutlich flächeneffizienter.1

2 von 5 Strecken keine 5 Kilometer lang
Nach Untersuchungen in deutschen Großstädten betreffen mehr als 40 % der Autofahrten eine Strecke von weniger als fünf Kilometer Länge und liegen damit in einem Entfernungsbereich, in dem das Fahrrad sogar das schnellste Verkehrsmittel ist.2 Fahrradfreundliche deutsche Städte wie Münster, wo 47% der Wege mit dem Rad zurückgelegt werden, zeigen das hohe Potential für dieses Verkehrsmittel durch Verbesserung der Radinfrastruktur.3
Hohes Potential für mehr Radverkehr
Dass diesbezüglich noch erheblicher Nachholbedarf besteht, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit einem Anstieg von Radunfällen von fast 40% seit 2013 . Demnach starben 2022 auf deutschen Straßen 474 Fahrradfahrer, rund 98.000 erlitten Verletzungen. Die meisten dieser Unfälle ließen sich bei Verfügbarkeit einer guten, durchgängigen Radverkehrsinfrastruktur vermeiden. Voraussetzung hierfür sind klar definierte Verkehrsräume mit angemessenem Flächenanteil und nach Möglichkeit getrennte Radwege (als Fahrradstraße, baulicher Radwege, geschützter Radfahrstreifen, Pop-Up-Radwege).


Auch unter gesundheitlichen und ökologischen Aspekten ist der hohe Anteil des motorisierten Individualverkehrs kritisch zu bewerten. Belastungen der Innenstädte durch Abgase, Feinstaub und Lärm aber auch der Hitzestau in den Sommermonaten sind zu hohem Anteil auf die derzeit noch vorherrschende Verkehrspolitik zurückzuführen. Eine Priorisierung des Autoverkehrs fördert zudem die Immobilität im gesamten Altersspektrum, beginnend bei den Schülern, denen ein selbstständiger Schulweg im zunehmend dichten Verkehr oft nicht mehr zugetraut wird. Das häufig aufgeführte Argument, ein PKW garantierte Senioren eine selbstbestimmte Mobilität und Teilhabe bis ins hohe Alter, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Trugschluss.
Trugschluss Auto: Keine Garantie für Selbstständigkeit im Alter
Das Steuern eines PKW im dichten Stadtverkehr erfordert körperliche und kognitive Fitness sowie ein rasches Reaktionsvermögen, Fähigkeiten also, die im Alter naturgemäß abnehmen. Zugutekommen würde einer alternden Bevölkerung und den schwachen Verkehrsteilnehmern in den Innenstädten hingegen eine Entschleunigung und Verkehrsberuhigung. Die zahlenmäßig große Gruppe der Senioren ist sehr heterogen. Viele sind lange aktiv und entdecken dank technischer Entwicklungen das Fahrrad als geeignetes Fortbewegungsmittel, um Fitness und Spaß miteinander zu verbinden. Für die weniger mobilen Senioren müssen Konzepte für on-Demand-Transporte und ausreichend Parkraum für ambulante Pflegedienste, Krankentransporte sowie Lieferdienste im Innenstadtbereich geschaffen werden.

Somit ergeben sich eine Vielzahl von Ansätzen, um die Städte für alle Altersgruppen lebenswert zu gestalten und zukunftssicher aufzustellen, wobei der Mobilität eine Schlüsselrolle als Bindeglied zwischen ökonomischen, ökologischen, gesundheitlichen und gesellschaftlichen Aspekten zukommt. Viele Städte haben die Weichen in Mobilitätentwicklungsplänen bereits gestellt. Fahrzeugtechnische Entwicklungen hin zum autonomen Fahren, eine zunehmende Digitalisierung und ein multimodales Verkehrsangebot mit Sharingdiensten helfen einerseits, flexible individuelle Lösungen für eine Mobilität der Zukunft zu entwickeln.

Andererseits wird Raum frei für Entsiegelungsstrategien, Stadtbegrünung und die Gestaltung von Räumen für Freizeit, Begegnung, Kultur, Gastronomie ect. Die anstehenden Transformationsleistungen lösen allerdings bei vielen Bürgern auch Ängste und große Skepsis aus. Zu lange wurden Städte „autogerecht“ gestaltet und Versuche einer Abkehr von diesem Konzept mit wirtschaftlichem Niedergang gleichgesetzt. Diesen Sorgen mittels intensiver Öffentlichkeitsarbeit und durch Angebote zur Bürgerbeteiligung zu begegnen, kann dazu beitragen, die Zuversicht auf die Chancen einer Verkehrswende zu stärken. Projekte einer gelungenen Umsetzung, wie den Bau einer Veloroute oder eines gelungenen Parkraumkonzeptes beispielsweise medial zu begleiten und erlebbar zu machen, eröffnet Perspektiven für weitere Gestaltungsoptionen.
Quellen:
- https://vcoe.at/publikationen/vcoe-factsheets/detail/vcoe-factsheet-2016-01-urbaner-verkehr-der-zukunft-sauber-und-platzsparend ↩︎
- Bundesumweltamt, Expertenschätzung 2014 ↩︎
- Radverkehrsbericht Münster 2018 -2022 ↩︎
Fahrradstadt Braunschweig, dass ich nicht lache… Bevor an änderung der Verkehrsführung, Einrichtung von Fahrradstraßen und ähnlich gedacht wird, sollten die vorhandenen Fahrrad wege erst einmal Schneefrei gehalten werden. Die Überland-Fahrradwege werden nicht geräumt. Ganz im Gegenteil, der Schnee, der auf der Fahrbahn las, wurde auf die Wege geräumt, wie man mit dem Fahrrad durchkommen soll, kann sich der Betroffene Gedanken machen. Wolfenbüttel räumt vorbildlich bis zur Stadtgrenze, BS ist nicht in der Lage dazu.
Traurig…